Von Japan für die Krise lernen?
An einer vom Thinktank Avenir Suisse organisierten Veranstaltung wurde heute Abend in der Labor Bar in Zürich die Frage diskutiert, welche Lehren aus Japans Erfahrungen mit der Wirtschaftskrise und dem «verlorenen Jahrzehnt» der 90er Jahre für die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise gezogen werden können. Als Hauptreferent rekapitulierte der an der Sophia Universität in Tokio lehrende Dr. Helmut Becker mit einer Mischung aus präzisen Zahlen und persönlichen Anekdoten die Ursachen und den Verlauf der japanischen Krise.
Als 1985 auf Druck der USA des Plaza-Abkommen geschlossen wurde, wertete sich der bis dahin stark unterbewertete japanische Yen gegenüber dem Dollar abrupt auf. Zur Stützung der Industrie stärkte man deshalb den Binnenkonsum und lancierte Konjunkturprogramme. Die Folge war eine gigantische Spekulationsblase, während der sich die Immobilienpreise bis 1990 etwa alle 6 Monate verdoppelten. In ihrem Jahresbericht hielt die Bank von Japan 1990 fest, dass Japan zwar nur über 3 Prozent der Landmasse der Erde verfüge, diese aber 60 Prozent des weltweiten Landwerts ausmache. In einer klassischen Blasenbildung waren überbewertete Immobilien als Sicherheit für Kredite hinterlegt worden, mit welchen weiter spekuliert wurde.
Trotz der sich in immer neue Höhen schraubenden Aktienmärkte und Immobilienpreise blieb Japans Inflationsrate dabei konstant tief. Dies deshalb, so Becker, weil der Warenkorb zur Berechnung der Teuerungsrate in keiner Weise der Realität entsprach. So waren darin keine Mieten enthalten, wohl aber Reis, dessen Preis aus politischen Gründen alle paar Jahre gesenkt wurde, und Güter wie Schwarz-Weiss-Fernseher oder Holzschuhe, die längst kaum jemand mehr nachfragte. 1989 erreichte der Nikkei-Index den Höchststand von 38.900 Punkten und man erwartete, dass er binnen eines Jahres auf über 60.000 Punkte steigen würde. Es sollte anders kommen. Heute steht der Nikkei-Index bei unter 10.000 Punkten.
Japan wollte seine Probleme erst nicht wahrhaben und reagierte so erst spät auf die massive Krise. Erst das verheerende Erdbeben in Kobe und die Saringas-Anschläge in der Tokioter U-Bahn liessen nach der Spekulationsblase 1995 schliesslich auch den Mythos von Japans Krisenresistenz platzen. Die japanischen Banken, die noch Ende der 80er Jahre zu den grössten der Welt gehört hatten, kollabierten oder mussten vom Staat gestützt werden. Später fusionierten die übrig gebliebenen zu einer Handvoll Megabanken.

Machten in der Krise gute Geschäfte: 100-Yen-Shop (Flickr/Gilgongo).
Auch auf Druck der USA wurden nun endlich Massnahmen ergriffen. Mit dem sogenannten quantitative easing wurden die Zinsen praktisch auf null gesenkt und der Markt mit Geld geflutet. Diese Nullzinspolitik führte jedoch zum Phänomen der Zombie-Firmen; Firmen, die eigentlich nicht überlebensfähig waren, wurden durch billiges Kapital künstlich am Leben erhalten. Erst nach 6 Jahren Deflation, während der die Löhne nominal stagnierten und real wegen der ausbleibenden Boni sogar sanken, erholte sich Japans Wirtschaft ab 2002 wieder. Die Krise hatte einen Abbau von Überkapazitäten zur Folge und führte dazu, dass heute in Japan 40 Prozent der Arbeitskräfte nicht fest angestellt sind. Das japanische Arbeitsmodell mit Beschäftigungsgarantie in der gleichen Firma auf Lebenszeit ist also längst ein Mythos; die Realität sieht heute ganz anders aus.
Heute geht es Japan nicht schlecht, aber seinen Kunden in der ganzen Welt geht es schlecht. Nachdem die Industrieproduktion in Japan anfangs des Jahres massiv zurückgegangen war, hat die Produktion in den letzten Monaten wieder etwas angezogen. Ob diese Erholung von Dauer sein wird, hängt aber entscheidend von der weiteren Entwicklung im Rest der Welt ab. Japan hat es zudem mit 2 Unsicherheitsfaktoren zu tun, nämlich der Überalterung der Bevölkerung und der hohen Staatsverschuldung, welche 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht hat.
Die Hauptfrage, ob sich aus den Erfahrungen Japans Lehren für den Rest der Welt ziehen lassen, konnte an der Veranstaltung nicht eindeutig beantwortet werden. Becker warnte davor, die spezifische Erfahrung Japans auf die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise übertragen zu wollen. Letztere sei von viel höherer Komplexität und somit nicht direkt vergleichbar. Trotzdem könne der Westen sich an Japan ein Vorbild nehmen beim flexiblen Arbeitsmarkt, der Offenheit gegenüber technologischen Innovationen und der Zuversicht in die Zukunft. Japan habe gerade in der Rückbesinnung auf diese Stärken, die Kraft gefunden, um die Krise zu überwinden.
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