Von wegen Saure-Gurken-Zeit
Rezension der DVD Sour Strawberries

Extreme Nationalisten wettern gegen die Chinesen.
Japan ist kein Einwanderungsland, oder will zumindest keines sein. Trotzdem wurde 1990 die gesetzliche Grundlage dafür geschaffen, dass ausländische Arbeitskräfte unter bestimmten Bedingungen in Japan beschäftigt werden können. Dies vor dem Hintergrund der japanischen Immobilienblase der 80er Jahre, welche zu einem Arbeitskräftemangel für harte, gefährliche, unattraktive und schlecht bezahlte Tätigkeiten etwa im Pflegebereich oder bei den Automobilzulieferern geführt hatte.
Ins Land geholt wurden in den 90er Jahren dann vor allem sogenannte Nikkeijin, Nachfahren japanischer Auswanderer aus Brasilien, Peru und Bolivien. Obwohl viele Nikkeijin äusserlich nicht von Japanern zu unterscheiden sind, hatten sie anfangs oft fast keine Kenntnisse der japanischen Sprache und wurden am Arbeitsplatz benachteiligt und diskriminiert. Neuerdings werden junge Chinesen als „Praktikanten“ ins Land geholt, welche dann aber als Erntehelfer in der Landwirtschaft ausgebeutet werden.
Die schwierige Lage der japanischen Wirtschaft und die Tatsache, dass japanische Firmen ihre Produktionsstandorte vermehrt in asiatische Länder mit billigeren Arbeitskräften verlegen, verschärft die Situation der ausländischen Arbeitskräfte in Japan zusätzlich. Trotzdem wird der dramatische Geburtenrückgang, die Abwanderung in die Städte und die zunehmende Überalterung der japanischen Gesellschaft dazu führen, dass Zuwanderer gerade im Pflegebereich oder der Landwirtschaft weiterhin als billige Arbeitskräfte gebraucht werden.
Der Filmemacher Tilman König und der Japanologe Daniel Kremers haben aus dieser Problematik den ebenso unaufgeregten wie eindrucksvollen Dokumentarfilm Sour Strawberries gemacht. Der Film ist nur sehr spärlich kommentiert, dafür kommen Menschen sehr unterschiedlicher Couleur mit ihren Ansichten ausgiebig zu Wort. Da sind einmal mehrere Nikkeijin selbst, die von Unfällen und Diskriminierungen am Arbeitsplatz berichten. Ein Vertreter des japanischen Wirtschaftsverbands Keidanren kommt ebenso zu Wort wie der eingebürgerte Amerikaner und Menschenrechtsaktivist Debito Arudou.
Bemerkenswert ist die Unaufgeregtheit und Sachlichkeit der Interviewpartner. Ein führender Politiker der regierenden LDP erklärt seine erstaunlich pragmatische Sicht der Dinge und ein Gewerkschaftsvertreter erzählt völlig abgeklärt, wie er von einem Arbeitgeber mit Benzin übergossen und angezündet wurde. Andererseits gibt es auch eindrucksvolle Szenen von öffentlich ausgetragenen Meinungsverschiedenheiten und politischen Demonstrationen zu sehen. In dieser Hinsicht dokumentiert der Film auch, wie in Japan politische Konflikte ausgetragen werden.
Stellenweise vermisst man einen Kommentar mit mehr Strukturierung und Hintergrundinformationen und leider wird nirgends auf die ausländischen «Entertainerinnen» eingegangen, welche nach Japan einreisen, um dort im Sexgewerbe zu arbeiten. Alles in allem überzeugt der Film aber durch die Vielfalt der Stimmen, die zu Wort kommen, und durch seinen unaufgeregten Blick auf ein ebenso wichtiges wie aktuelles Thema, das Japan auch in Zukunft noch stark beschäftigen wird.
Der Film kann über diesen Link bezogen werden: http://www.cinemabstruso.de/strawberries/main.html
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