28. August 2009, 00:10 Uhr

Grasfresser versetzen Japan in Aufregung

Gras

Keine Lust auf Fleisch: Japans junge Männer ziehen Gras vor. (flickr/wili_hybrid)

Alle paar Jahre macht in Japan ein neuer Trendbegriff für ein gesellschaftliches Phänomen die Runde. Zurzeit sind die «Grasfressenden Männer» (soushoku danshi) an der Reihe. Den Begriff geschaffen hat die Kolumnistin Maki Fukasawa. Er bezeichnet junge Männer, die wenig Interesse an Sex haben und sich am liebsten in den Familien- und Freundeskreis zurückziehen, um ein ruhiges, unscheinbares Leben ohne grosse materielle Ansprüche führen.

Media Shakers, eine Tochterfirma von Japans grösster Werbeagentur Dentsu, schätzt, dass mindestens 60 Prozent der Männer Anfang 20 und mindestens 42 Prozent der 23- bis 34-jährigen sich selbst als Grasfresser sehen. Die japanische Partnervermittlungsagentur Partner Agent fand in einer Umfrage heraus, dass 61 Prozent der unverheirateten Männer in den 30ern sich als Grasfresser bezeichnen, berichtet das Online-Magazin Slate.

Grasfresser werden zum Gesellschaftsthema

Obwohl die jungen Grasfresser eigentlich ganz harmlos sind, haben sie in Japan eine grosse Debatte ausgelöst. Am Fernsehen und in den Medien wird heftig darüber diskutiert, wie die seit den frühen 1990er-Jahren anhaltende wirtschaftliche Stagnation das japanische Männerbild verändert hat. Die Firmen ihrerseits sind um den Absatz ihrer Produkte besorgt, wenn ein Teil der normalerweise gut verdienenden jungen Männer plötzlich anfängt zu gärtnern oder wandern zu gehen, anstatt ihr verfügbares Einkommen für Autos, Uhren oder Golf auszugeben.

Die «Grasfressenden Männer» versetzen ganz Japan in Aufregung, weil sie gleich zwei der grössten Herausforderungen der japanischen Gesellschaft betreffen: die sinkende Geburtenrate und den blutlosen Privatkonsum. Die Grasfresser praktizieren einen stillen Protest gegen die männlichen und materialistischen Werte, welche mit Japans Blasenwirtschaft der 1980er-Jahre verbunden sind.

Vor der Bubble war alles anders

Bevor die Blase platzte, hatten die japanischen Firmen Arbeitsplätze auf Lebenszeit garantiert. Die jungen Salarymen konnten sich darauf verlassen, dass sie ihr Gehalt auch in Zukunft erhalten würden, und konnten so ihrer Freundin auch mal eine teure Halskette oder ein romantisches Abendessen in einem französischen Restaurant offerieren.

Heute sind 40 Prozent der Japaner nicht fest angestellt, mit entsprechend geringer Arbeitsplatzsicherheit. «Als die Wirtschaft gut lief, hatten die japanischen Männer genau eine Wahl ihr Leben zu gestalten: Sie traten nach dem Uni-Abschluss in eine Firma ein, heirateten, kauften sich ein Auto und ersetzten es regelmässig durch ein Neues» sagt Fukasawa. «Heute können die Männer schlicht nicht mehr dieses Klischee des ‘Glücklichen Lebens’ führen».

Unsichere Arbeitssituation führt zu Zurückhaltung im Privaten

Der 22-jährige Uni-Abbrecher Yoto Hosho, der sich und die meisten seiner Freunde als Grassfresser sieht, glaubt, dass der Begriff eine ganze Gruppe von unterschiedlichen Männern meint, die nicht danach streben, in ihren Beziehungen zu Frauen, ihren Jobs oder sonst etwas traditionelle Erwartungen der Gesellschaft zu erfüllen. «Wir kümmern uns überhaupt nicht darum, was die Leute davon halten, wie wir leben».

Oft können sich die Grasfresser auch gar nicht anderes leisten, als sich mit ihrer Situation zu arrangieren. Sie gehören zu einer Generation, die nie einen Wirtschaftsboom erlebt hat und weil viele von ihnen nur Teilzeit arbeiten, sind Hochzeit oder Kinder für sie keine Option. Dass die Grasfresser sich den traditionellen Lebensläufen und gesellschaftlichen Normen verweigern, hat also auch viel damit zu tun, dass sie sich diesen Lebensstil schlicht nicht mehr leisten können.

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